
Die frühe deutsche Prosa des 15. und 16. Jahrhunderts wird von Erzählbrüchen geprägt. In erster Beobachtung scheint das von noch unzureichend entwickelten Texturen zu zeugen. Darin wirken sich zugleich aber die Ordnungs- und Ortungsverluste im Übergang zwischen Spätmittelalter und Früher Neuzeit auf die neue Literatur aus. So steht die Prosa der Zeit für eine disparate Vielfalt der Wissensbestände, Erzählstrukturen, Deutungsmuster und medialen Konstellationen. All das bietet sie in ihrer Heterogenität unreduziert auf. Die hier eingenommene Forschungsperspektive qualifiziert die damit verbundenen Fügungsprobleme nun unter dem Aspekt komplexitätsbegründender Diskohärenz. Sie vertraut auf die Erschließungskraft des Verwickelten als Niederschlag des Epochenumbruchs in dieser frühen Prosa: auf die Dynamik wechselnder Orientierungen, auf Störendes, Befremdliches und auf für sich auskunftsfähige Aporien.
Inhalt
Thomas Althaus & Elisabeth Lienert
Einleitung
Thomas Althaus & Elisabeth Lienert
An der Arbeit. Zwischenmeldungen zu einem Forschungsprojekt, das sich nicht in ganzheitlichen Beobachtungen erfüllt
Elisabeth Lienert
Kapitel, Kohärenz und Episodizität im Buch der Liebe
Manuel Braun
Bewusst gestaltet oder böse geklittert? Bearbeitungskonzepte und Bearbeitungstendenzen in Sigmund Feyerabends Buch der Liebe
Rabea Kohnen & Melissa Bastian
Feyerabends Figurenbände zur Bibel. Überlegungen zur Geschichte eines Buchtyps am Beispiel des Gleichnisses vom reichen Mann und armen Lazarus
Stefan Seeber
Brevitates. Kürzungen in den verschiedenen Fassungen des Wilhelm von Österreich im 15. Jahrhundert
Jan Mohr
Erfolgsgeschichten. Figurationen von Aufstieg und Einordnung im Prosaroman des 15. und 16. Jahrhunderts (Melusine, Magelone, Ritter Galmy, Fortunatus)
Christine Putzo
Vergebliches Streben? Produktive Verschränkungen von Providenzlogik und Kontingenzerwartung in Prosaromanen der Frühen Neuzeit (Paris et Vienne, Paris und Vienna, Pierre de Provence, Die schöne Magelone)
Caroline Emmelius
Zeiten des Erzählens. Beobachtungen zu Gebrauch und Funktionen von Vergangenheitstempora in kleiner Prosa des 16. Jahrhunderts
Christian Meierhofer
Erzählen „vff ein zeit“. Okkasionalität und Heterogenität in Jakob Freys Gartengesellschaft und Martin Montanus’ Fortsetzung
Gudrun Bamberger
Epistemische Brüche und Konkurrenzen im Lalebuch (1597)
Thomas Althaus
Von einer Welt, in der nichts mehr zusammenpasst. Über Kompilationsliteratur, die kleine Prosa des 16. Jahrhunderts als Sammelprosa und über Kurtzweilige vnd Laͤcherliche Geschicht im Verlag Sigmund Feyerabends (1583)
Dies ist eine Veröffentlichung des WOC Projekts Erzählbrüche.