2022

May

lecture series: perspektiven auf mehrsprachigkeit

Christel Stolz (U Bremen): Mehrsprachigkeitsideologien und Mehrsprachigkeit in Bremen

Sprachideologien sind eine bedeutende Komponente unseres Sprachverhaltens, denn sie regulieren die Art und Weise, wie wir kommunizieren. Meistens sind wir uns ihrer nicht bewusst und gehen davon aus, dass unsere sprachlichen Präferenzen und Einstellungen vollkommen „natürlich“ sind. Ist man jedoch einmal auf deren ideologischen Charakter aufmerksam geworden, ist dieser kaum mehr zu übersehen! Ein für die Erforschung von Sprachideologien besonders ergiebiges Feld sind Situationen bereits etablierter oder gerade erworbener Mehrsprachigkeit, zumal wenn eine ideologisch begründete Kontrastierung der betroffenen Sprachen Anlass zu Kritik oder gar Konflikten gibt.

Nach einer kurzen Einführung in die Terminologie und einige besonders wirkmächtige Ideologien wie z.B. Standard- oder Nationalsprachideologie werden ausgewählte, für das Thema relevante Forschungsergebnisse aus dem seit über zehn Jahren fortgeführten Projektmodul „Multilingual Bremen / Mehrsprachigkeit in Bremen“ (MA-Studiengang „Language Sciences, Universität Bremen) vorgestellt. Die Beispiele stammen überwiegend aus dem Bereich des L1- und L2-Erwerbs und werden bes. in Bezug auf ideologische Positionen der beteiligten Personen sowie potentielle Kritik- und Konfliktpunkte untersucht. Das sprachideologische Fundament der Entscheidungen für oder gegen das Lernen einer bestimmten Sprache / Varietät kann auf diese Weise sichtbar gemacht werden.

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lecture series: perspektiven auf mehrsprachigkeit

Nina-Maria Klug (U Vechta): Deutschsein. Eine linguistische Analyse der multimodalen Konstruktion von Identität

Was macht das Deutschsein eigentlich aus? Gibt es auf diese Frage eine richtige Antwort? Kann es mehrere richtige Antworten geben?

Dieser Vortrag wendet sich Fragen wie diesen aus linguistischer, genauer: aus pragmasemantischer Perspektive zu. Es werden einige Muster und Strategien der Konstruktion und (Re)Präsentation des Deutschseins am Beispiel einer spezifischen deutschen Bindestrich-Identität linguistisch nachgezeichnet, die seit den 1980er Jahren im bundesdeutschen Raum explizit reflektiert und begründet wird. In diesem Rahmen spielt auch die Reflexion von bundesdeutschem Rassismus und die identitätsrelevante Reflexion präsupponierter Mehrsprachigkeit eine wichtige Rolle.

Jenseits der Veranschaulichung von Aspekten der Konstruktion und (Re)Präsentation deutscher Identität am spezifischen Beispiel liegt ein weiteres Ziel des Vortrags darin aufzuzeigen, dass sich kommunikative Prozesse (z.B. der Identitätsbildung) nicht auf den Gebrauch von Sprache beschränken lassen. Es soll gezeigt werden, dass sie ganz wesentlich auch von dem unlösbaren Zusammenspiel von Sprache und anderen Zeichenressourcen (z.B. Bild oder Musik) geprägt sind. Damit wird ein Sachverhalt hervorgehoben, der den Fokus der Ringvorlesung auf Fragen der Mehrsprachigkeit um den Blick auf Aspekte von Multimodalität weitet.

June

lecture series: perspektiven auf mehrsprachigkeit

Tony McEnery (U Lancaster): Discourse, structure and language learning – a corpus-based approach to the intersection of discourse and performance in learner language

Learner corpora (large collections of spoken or written texts produced by second or foreign language learners) provide unique insights into language learning. Yet the great bulk of available learner corpora are based on writing – this has largely precluded them being used to explore the pragmatics of interaction, essential for the development of interactional competence (see Culpeper et al., 2018: 5-6). While some conversational spoken learner corpora have been produced, publicly available datasets have notable limitations. For example, the LINDSEI corpus (see https://uclouvain.be/en/research-institutes/ilc/cecl /lindsei.html) varies the setting in which the corpus data was gathered, which makes controlling this variable difficult and the relatively small scale of the corpus (just over 1 million words) encourages data aggregation which may lead to misleading results (see Friginal and Polat, 2015 for a critique; see McEnery et al., 2019, for a fuller discussion of the drawbacks of current learner corpora). In second language acquisition research, the investigation of pragmatics has been guided by small experimental studies (see Culpeper et al, 2018). While these are valuable, there is now a consensus that the study of language acquisition is so complex that experimental studies need to be supplemented by insights gained from suitable large learner corpora (Rebuschat et al., 2017), as demonstrated in Ellis et al. (2017).

So, while learner corpus research is growing significantly, work on learner speech is rare, contributing to what Culpeper et al. (2018: 194) rightly call ‘a dearth of studies of pragmatic development utilizing corpus techniques’. For example, the bibliography of learner corpus research (see https://uclouvain.be/en/research-institutes/ilc/cecl/learner-corpus-bibliography.html) currently lists over 1,100 publications in the past three decades; only 111 (9.7%) explore speech and a mere 16 principally focus on pragmatics through studies of discourse markers (14) and speech acts (2). Notable is the absence of any studies of macrostructures within which, for example, discourse markers and speech acts are organized. Yet mastery of such structures can have a direct impact on performance for second language users as they attain “over time the ability to carry out dialogic interaction with … [an L1 speaker] … with fewer communication gaps, which may be the result of their increased narrative and discursive abilities” (Collentine and Freed, 2004: 163). This talk will directly address this lack of work on pragmatic macrostructures by using newly available corpora, annotated with discourse structure, to investigate discourse in learner speech.

lecture series: perspektiven auf mehrsprachigkeit

Andrea Daase (U Bremen): Mehrsprachigkeit – von einem widersprüchlichen Umgang mit sprachlicher Heterogenität in Schule, Curricula und Unterricht

Während in der Mehrsprachigkeits- und Zweitspracherwerbsforschung individuelle Mehrsprachigkeit seit langer Zeit nicht nur als an sich problemlos gilt, da sie eine grundlegende Veranlagung des Menschen darstellt, sondern auf Basis empirischer Untersuchungen als Gewinn in vielerlei Hinsicht angesehen wird, herrscht im Bildungsbereich (inklusive Lehrer*innenbildung) immer noch ein offen bis implizit defizitorientierter und auch widersprüchlicher Blick auf Mehrsprachigkeit vor. Dabei fallen zwei Perspektiven ins Auge: Zum einen geht es um das dezidierte Ziel schulischer Bildung, alle Schüler*innen zur sogenannte Bildungssprache des Deutschen hinzuführen, wobei implizit der Fokus v.a. auf Schüler*innen aus mehrsprachigen Familien gelegt wird. Zum anderen wird auf die sogenannten Herkunftssprachen mehrsprachiger Schüler*innen verwiesen, welche als Ressource für das schulische Lernen dienen sollen. Beide Perspektiven gehen nicht von den Menschen und ihren Praktiken aus, sondern von vermeintlich klar voneinander abtrennbaren Sprachen bzw. Registern, denen jeweils ein spezifischer Gebrauchskontext auf Basis herrschender Sprachideologen zugewiesen wird. Unter dem Deckmantel der Mehrsprachigkeit sedimentiert sich letztlich weiterhin ein monolingualer Habitus sowie eine einseitige Sicht auf die Funktion von Sprache. Dass das in letzter Zeit vielbeschworene Credo von Mehrsprachigkeit als Ressource in der aktuellen Lesart und ihrer Umsetzung lediglich eine Fortschreibung einer normativ gesetzten Monolingualität darstellt und wie im Gegensatz dazu ein inklusiver Ansatz einer mehrsprachigen Schulentwicklung aussehen könnte, wird im Vortrag zur Diskussion gestellt.

lecture series: perspektiven auf mehrsprachigkeit

Claudia Harsch (U Bremen): Innovative Verfahren zur Integration von Lehren, Lernen und Beurteilen: Das Potential von Dynamic Assessment

Im Beitrag werde ich zunächst auf die Konzeptionalisierung plurilingualer und plurikultureller Kompetenzen eingehen, und mich dabei auf das Verständnis des Europarats beziehen. Hierzu betrachten wir die Konzeptionalisierungen im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen, seinem Companion Volume und dem Referenzrahmen für plurale Ansätze zu Sprachen und Kulturen näher, insbesondere die Skalen zu plurilingualen und plurikulturellen Kompetenzen im Companion Volume. Darauf aufbauend analysieren wir kritische Aspekte, die einem plurilingualen / plurikulturellen Unterricht entgegenstehen mögen, und beleuchten einige ausgewählte plurilinguale / plurikulturelle Ansätze im Sprachenunterricht.

Ausgehend von unterschiedlichen Paradigmen des Lehrens und Lernens wenden wir uns dann dem Bereich des Dynamic Assessment zu, einem Ansatz, der in Vygotskys soziokulturellem Paradigma verortet ist. Dabei werden Lernen, Lehren und Beurteilung als eine dynamische Einheit verstanden. Lehrende agieren als Mediatoren, um in Interaktion mit ihren Lernenden konzeptuelles Wissen zu vermitteln und gleichzeitig den Stand der Lernenden und ihre „Zone der proximalen Entwicklung“ zu diagnostizieren, den Bereich also, in dem Lernende Unterstützung benötigen, um sich weiterzuentwickeln.

Im letzten Teil des Beitrags gehe ich auf das Potential des Dynamic Assessment für die Entwicklung und Beurteilung von plurilingualen und plurikulturellen Kompetenzen ein, und zeige anhand von Beispielen, welchen Beitrag Dynamic Assessment dabei leisten kann.

GradNet off Campus

Intersektionalität und Widerspruch #1 – Ein Gespräch mit Felicia Ewert

GradNet off Campus – Intersektionalität und Widerspruch #1
Ein Gespräch mit Felicia Ewert

Widersprüche begegnen Menschen in verschiedenen Lebensrealitäten in unterschiedlicher Weise; sei es der erlebte Widerspruch zwischen Körpererfahrung und der individuellen Geschlechtsidentität, sei es in der vermeintlichen Unvereinbarkeit von Glauben und sexueller Orientierung, oder der angebliche Widerspruch zwischen Hautfarbe und Nationalität. Felicia Ewert gibt Einblicke in Widersprüche aus ihrer Lebensrealität und bildet den Auftakt der Veranstaltungsreihe “Intersektionalität und Widerspruch”.
Sie ist Politikwissenschaftlerin, Podcasterin und Referentin zu den Themen Transfeindlichkeit und Sexismus. Zudem ist sie Autorin des Buches Trans. Frau. Sein., in welchem sie sich aus wissenschaftlicher und satirischer Perspektive mit Biologismus und Cissexismus auseinandersetzt. Im Gespräch mit ihr soll es darum gehen, wie transgeschlechtliche Menschen Widersprüche im Alltag, aktivistischen Kontexten und in der Wissenschaft erleben.
Im Rahmen der Gesprächsreihe „GradNet off Campus Intersektionalität und Widerspruch“ lädt das Graduiertennetzwerk (GradNet) der Bremer Verbunds-forschungsplattform Worlds of Contradicition dazu ein, aus einem diversitätssensiblen und machtkritischen Blickwinkel über das Thema Widerspruch in den Dialog zu kommen. Anstatt eines klassischen Vortrags soll es darum gehen, dialogisch mitzureden, zuhören und dazuzulernen.

Mittwoch 29.06.22 | 19.00 – 20.30 Uhr (s.t.) | Parkcafé des Kukoon, Neustadtwallanlagen, Bremen

July

lecture series: perspektiven auf mehrsprachigkeit

Patrick Wolf-Farré (U Duisburg-Essen): Von der Sprachinsel zur Bindestrich-Identität: Das Beispiel der Deutschchilenen

Die Deutschchilenen stellen aus der Sicht der germanistischen Linguistik den klassischen Fall einer Sprachinsel, bzw. einer aus der Sprachinsel hervorgegangenen Minderheit dar: In der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgewanderte Sprecher:innen deutscher Varietäten lebten bis Beginn des 20. Jahrhunderts relativ isoliert von der spanischsprachigen Umgebungsgesellschaft. Heute hat die deutsche Sprache innerhalb der Gruppe an Bedeutung verloren, da die alltägliche Kommunikation überwiegend auf Spanisch stattfindet. Zugleich machen Institutionen wie Deutsche Schulen und Kulturvereine, aber auch die Präsenz deutscher Familiennamen und Schriftzüge im öffentlichen Raum einen Teil der chilenischen Gesellschaft aus. Ein Interesse an der deutschen Sprache bleibt also bestehen, das allerdings vor dem Hintergrund der ehemaligen Sprachinsel eine besondere DaF-Situation darstellt. Somit ergeben sich diverse Fragen:

  • Wie ist die Rolle der deutschen Sprache in Chile heute zu beschreiben, in der eine ehemalige Sprachinsel und ein hohes gegenwärtiges Interesse an Deutsch als Fremdsprache zusammentreffen?
  • Gibt es eine eigene Varietät des Chiledeutschen?
  • Kann von einer deutschchilenischen Sprachgemeinschaft ausgegangen werden, oder sind mehrere kleinere Gruppen zu unterscheiden?

Der Vortrag greift bestehende Befunde auf und präsentiert ein geplantes Forschungsprojekt, in dem die deutschchilenische Gemeinschaft jenseits des Sprachinsel-Konzepts als Teil der chilenischen Gesellschaft untersucht werden soll.

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Akra Chowchong (U Chulalongkorn): Sprachlernvideos auf YouTube linguistisch bestrachtet

Der Vortrag befasst sich mit Sprachlernvideos bzw. informell produzierten Videos zur Vermittlung des Deutschen als Fremdsprache auf YouTube. Es wird dargelegt, dass sich diese sprachdidaktische, unterhaltsame Online-Gattung abgesehen von ihren didaktischmethodischen Eigenschaften auch in vielerlei Hinsicht linguistisch analysieren lässt. Im Fokus des Vortrags stehen die Merkmale der Gattung und ihre vielfältigen (meta)sprachlichen Phänomene, die sowohl in den Videos als auch in den Kommentaren zu finden sind. Dazu gehören u. a. die Sprachideologien der Diskursteilnehmenden, die an einigen Stellen im Konflikt stehen, sowie die Selbst- und Fremdpositionierung in Bezug auf Sprachexpertise, die sich beispielsweise in der Praktik des Lehrens und des Code-Switchings niederschlagen.

October

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2023

January

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