Excellence Chair

Universität Bremen Excellence Chair Shalini Randeria – Research Group

Im Januar 2019 wurde Professorin Shalini Randeria auf einen University of Bremen Excellence Chair berufen. Shalini Randeria ist Rektorin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Gleichzeitig lehrt sie als Professorin für Sozialanthropologie und Soziologie am Graduate Institute for International and Development Studies in Genf, wo sie auch das Albert Hirschman Centre on Democracy leitet. Sie gilt als eine der wichtigsten Stimmen postkolonialer Perspektiven in den Kultur- und Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum. Shalini Randeria hat zahlreiche Bücher und Artikel im Bereich der Rechtsanthropologie, der politischen Anthropologie und der Postkolonialen Studien vorgelegt und zu Staat und öffentlichen Ordnungen, Bevölkerungspolitiken und Land-Ressourcen, zu Globalisierung und Entwicklung sowie zu Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen veröffentlicht. Ihre empirisch-ethnographische Forschung konzentriert sich auf Fragen zu Postkolonialität und multiplen Modernitäten im Kontext Indiens.

In Bremen baut sie im Rahmen der interdisziplinären Forschungsplattform „Worlds of Contradiction“ (WoC) an der Schnittstelle von Kultur-, Rechts- und Sozialwissenschaften eine Forschungsgruppe zu „Soft Authoritarianism“ auf.

Soft Authoritarianisms: Vergleichende interdisziplinäre Perspektiven

Soft Authoritarianism bezeichnet einen scheinbaren Widerspruch: den Umstand, dass Autoritarismus nicht notwendigerweise als ein klares, von der Demokratie immer unterscheidbares Regime existiert. Vielmehr lassen sich zunehmend auch innerhalb liberal-demokratischer Staaten autoritäre Tendenzen, Strukturen und Praktiken beobachten. Umgekehrt verhalten sich auch autoritäre Regime durchaus „soft“ beziehungsweise halten strategisch an quasi-demokratischen Formalitäten wie Wahlen fest, um ihrer Macht Legitimität zu verleihen. Der Begriff verweist auf diese Gleichzeitigkeit, welche die zunehmenden „fuzzy boundaries“ zwischen demokratischen und nicht-demokratischen Regierungsformen kennzeichnet.

So erfasst Soft Authoritarianism ein globales Phänomen, das sich zurzeit in einer Reihe sehr unterschiedlicher Länder entwickelt, die jedoch ähnliche Ideologien und institutionelle Praktiken aufweisen und deren Akteure über nationale und regionale Kontexte hinweg voneinander lernen und einander imitieren. Insbesondere seit der globalen Finanzkrise 2008 sind diese Formen von Soft Authoritarianism in einigen Ländern auch zunehmend mit widersprüchlichen Formen des Extraktiven Kapitalismus verknüpft, die sich in der besonders rücksichtslosen und irreversiblen Ausbeutung ehemaliger Gemeingüter wie Wälder, Ozeane und der Tiefsee zeigt. Es fehlt bislang jedoch an konzeptionellen Werkzeugen und theoretischen Ansätzen in den Sozial- und Geisteswissenschaften, um eine empirisch fundierte, vergleichende Analyse der Praktiken, Strategien und Prozesse sowie der politischen Ökonomien dieser Formen des Soft Authoritarianism in der nationalen und transnationalen Politik entwickeln zu können.

DAS PROJEKT

Die interdisziplinäre Forschungsgruppe Soft Authoritarianisms: Comparative Interdisciplinary Perspectives unter der Leitung von Prof. Shalini Randeria ist ein Projekt der Verbundforschungsinitiative Worlds of Contradiction (WoC). Im Mittelpunkt steht die Erforschung und Analyse der Widersprüche und Gleichzeitigkeiten, die dem gegenwärtig global beobachtbaren Phänomen der Soft Authoritarianisms innewohnen. Die Forschungsgruppe untersucht, wie sich diese „weichen“ Formen des Autoritarismus entfalten, wie Wahlen die Macht von Autokraten stärken, wie Rechtsstaatlichkeit und Rechenschaftspflicht mit Hilfe gesetzlicher Regelungen abgebaut werden und wie diese Entwicklungen durch die Produktion spezifischer Diskurse flankiert werden. Damit zielt die Forschungsgruppe auf ein nuanciertes Verständnis der rechtlichen, politischen, sozialen und diskursiven Praktiken, Strategien und Regelungen, die Soft Authoritarianisms ausmachen und sich sowohl in lokalen als auch transnationalen Prozessen zeigen.

Durchgeführt werden drei kontrastierende Fallstudien zu (1) Frankreich, (2) Polen/Ungarn und (3) der Türkei / der türkisch-europäischen Diaspora. Methodisch basiert das Forschungsprojekt auf einem Ansatz, der Ethnographie mit Diskurs- und Sprachanalysen verbindet. Auf der Grundlage der durch Forschung generierten empirischen Daten erarbeitet das Projekt ein präzises analytisches Vokabular und einen „toolkit“ für die kontrastiv, vergleichende Beschreibung und Typologisierung neu entstehender Soft Authoritarianisms, die allgemeine Aussagen über den Einzelfall hinaus ermöglichen sollen.

Insgesamt zielt das Projekt auf (1) die Analyse autoritärer Praktiken der staatlichen Transformation, (2) die Entwicklung einer empirisch fundierten Typologie und (3) den Aufbau einer Prozess-sensitiven Theorie, die die für die Sozialwissenschaften charakteristische Kluft zwischen West/Nicht-West überwindet.

INTERNATIONALS YOUNG SCHOLARS AUTUMN RESEARCH SCHOOLS

Ab 2020 wird die Forschungsgruppe eine Reihe von Young Scholars Autumn Research Schools mit den Schwerpunkten Soft Authoritariansms sowie Extractive Capitalism Beyond the Nation State anbieten. Die Autumn-Schools werden als anrechenbare Kurse für Master- und Doktoranden sowie Post-Docs der Universität Bremen und weiteren internationalen Partnern gestaltet. Die Autumn Research Schools bieten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine ausgezeichnete Gelegenheit, mit führenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf diesen Gebieten sowie zu damit verbundenen aktuellen Themen zu arbeiten. Mitglieder der WoC-Excellence Chair Research Group und von Worlds of Contradiction sowie internationale Kolleginnen und Kollegen werden Teil des Lehrkörpers sein. Die Autumn Research Schools wenden sich u.a. an internationale und Bremer Masterstudierende aus Studiengängen der Regional- und Stadtplanung, der Transkulturellen Studien, der Politikwissenschaften, des Transnationalen Rechts, der Postkolonialen Sprachstudien sowie der Postkolonialen Literatur- und Kulturwissenschaften.

AKTIVITÄTEN

  • Durchführung dreier empirischer Fallstudien zu (1) Frankreich, (2) Osteuropa und (3) der Türkei / der türkisch-europäischen Diaspora
  • Entwicklung eines Toolkits für die vergleichende Analyse entstehender Formen von Soft Authoritarianisms
  • Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Geistes-, Rechts-, Politik-, Sprach- und Kulturwissenschaften
  • Aufbau nachhaltiger Netzwerke und Beziehungen zu international einflussreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Frankreich, der Türkei, Osteuropa, dem Globalen Süden sowie aus Nordamerika
  • Internationalisierung der Nachwuchsförderung durch exzellente Forschungsausbildung, u.a. im Rahmen einer Reihe von International Young Scholars Autumn Research Schools
  • Entwicklung zukünftiger Verbundforschungsprojekte im Kontext von Worlds of Contradiction – WoC
  • Stärkung des gesellschaftlichen Dialogs zu diesen Themen durch öffentliche Veranstaltungen

KONTAKT

Research Group Soft Authoritarianisms: Dr. Ulrike Flader, uflader@uni-bremen.de

Worlds of Contradiction: Dr. Sarah Wilewski, wilewski@uni-bremen.de