Über uns

Als Verbundinitiative an der Universität Bremen fokussiert Worlds of Contradiction Phänomene, Konzepte, gesellschaftlich relevante Aspekte und methodologische Konsequenzen von Widerspruch aus Perspektiven der Geisteswissenschaften. Widerspruch wird dabei nicht allein als eine Relation des Ausschlusses verstanden – es ist nicht möglich, dass A und nicht-A –, sondern als eine Relation des graduellen Kontrastes. Es geht also auch um Diskrepanzen, Missverhältnisse, Aporien, Abweichungen, Verschiedenheiten etc., die in Feldern umkämpften Wissens – das heißt im Bereich der contested knowledge – als widersprüchlich deklariert werden. Neben logischem Widerspruch im Sinne eines Aussagenausschlusses rücken damit Phänomene des Sowohl-Als-Auch – es ist möglich, dass A und nicht-A –, also graduelle Widersprüche, in das Zentrum geisteswissenschaftlicher Interessen.

Eine positive, auf kreative Veränderung und Innovation setzende Bedeutungsaufladung des Konzepts „Widerspruch“ wird letztlich auch des Widerspruchs in der Form der Widerrede bedürfen, um sich Gehör zu verschaffen.  Mit Blick auf das Teilsegment der Wissenschaft und deren Akteure sind die Aufdeckung und Artikulation von Widersprüchen Teil eines diskursiven Systems, in dem u.a. die Identifikation der Wissensgegenstände und das angemessene terminologische Inventar verhandelt werden. Aus dieser Wissenschaftsperspektive können Widersprüche und der daran geknüpfte Gegendiskurs schließlich zu neuen Forschungsgegenständen führen, den korrespondierenden Wissenschaftsdiskurs restrukturieren oder zumindest die etablierte diskursive Praxis in Frage stellen. Vor diesem Hintergrund betreibt die Verbund­forschungs­initiative in ihren drei Projektbereichen »Machtdifferenzen«, »Wissensformen« und »Verhandlungspraxen« die Begründung eines interdisziplinären geisteswissenschaftlichen Paradigmas namens Contradiction Studies.

Ziel der Initiative ist es, die bestehenden Verbundforschungsaktivitäten der Universität Bremen ebenso wie zukünftige Forschungsprofile und Einzelprojekte konzeptionell zu bündeln und damit Kooperationen zwischen Disziplinen zu ermöglichen, die dem Prinzip geteilten Wissens – shared knowledge – verpflichtet sind.

Beteiligt an Worlds of Contradiction sind alle geistes- und kulturwissenschaftlich ausgerichteten Fächer und Disziplinen der Fachbereiche 8, 9, 10 und 12 der Universität Bremen. Unter breiter Beteiligung hat sich der Verbund in einem bottom-up-Prozess aus den Fächern und Disziplinen konstituiert. Mit der Etablierung einer fachbereichsübergreifenden Koordinationsstruktur ist die Verbundinitiative Teil der gesamtuniversitären Strategieentwicklung.

Worlds of Contradiction umfasst die drei Projektbereiche: »Machtdifferenzen«, »Wissensformen« und »Verhandlungspraxen«. Die inhaltliche Ausrichtung ist eng verknüpft mit den im Rahmen des Zukunftskonzeptes geförderten geisteswissenschaftlichen Creative Units »Koloniallinguistik – Sprache in kolonialen Kontexten«, »Homo debilis« und »Fachbezogene Bildungsprozesse in Transformation« sowie mit den VW-Schlüsselthemen-Projekten »Fiction Meets Science« und »Reconfiguring Anonymity«. Der Verbundfokus ist darüber hinaus mit der geistes- und sozialwissenschaftlichen Creative Unit »Kommunikative Konfigurationen« assoziiert.

In Worlds of Contradiction werden sowohl bereits etablierte als auch künftige Projekte der Verbund- und Einzelforschung miteinander verknüpft. Ausgehend von der Prämisse, dass neuzeitliche, moderne und aktuelle Wissensordnungen durch ein hohes Maß an Divergenzen einerseits und deren machtvolle Nutzung andererseits gekennzeichnet sind, werden Welten des Widerspruchs als ein gemeinsamer Horizont geisteswissenschaftlicher Interessen bestimmt. Die Polysemie des Ausdrucks »Widerspruch« als Aussagenrelation – etwas steht im Widerspruch zu etwas anderem – und als Einrede – gegen jmd/etw. Widerspruch erheben – zeigt bereits, dass es sowohl um Strukturen als auch um Praktiken geht. Gegenstände, Sachverhalte, Erkenntnisse, Meinungen, globalhistorische Konstellationen, gesellschaftliche Ordnungen etc., die sich widersprechen bzw. die als widersprüchlich erklärt werden, nehmen Worlds of Contradiction dabei ebenso in den Blick wie aktionale Dimensionen des Widersprechens, der Kritik, der Missbilligung, der Auf- und Abwertung etc. Nicht zuletzt geht es dabei um die Beschäftigung mit epistemischen Ordnungen, die Widersprüche als solche deklarierbar machen, wobei Wissenschaft selbst Teil der Konstruktion solcher Ordnungen ist und durch einen fortwährenden Prozess des Widersprechens auch im Sinne von Kritik gekennzeichnet ist.

Im Projektbereich »Machtdifferenzen« werden Herrschaftsverteilungen untersucht, die unter Zwang und Gewalt in Kontexten hegemonialer Diskurspositionierungen wirksam sind; ein Fokus liegt dabei auf Machtverteilungen, etwa in (post)kolonialen Ordnungen oder durch Staat und Partei. Diversität und so genannte A-Normalität werden als Funktionen von Machtdifferenzen untersucht, als Zwecke oder Effekte diskursiv umkämpfter Positionierung.

Im Projektbereich »Wissensformen« werden heterogene, antagonistische Wissensformen unter Aspekten postkolonialer, ökologischer, technologischer und epistemologischer Verschiebungen analysiert. Im Zentrum stehen dabei die Arbeitsfelder Rethinking Knowledge und Rethinking Humanism, bei denen es um Aspekte der Repräsentation von Wissen bzw. Wissenschaft sowie um Fragen sich verändernder Vorstellungen vom Menschen geht.

Im Projektbereich »Verhandlungspraxen« werden Projekte koordiniert, die sich mit der Herstellung sowie den Effekten von Vermittlungs- und Aneignungsprozessen befassen. Im Vordergrund stehen Positionen, die sich mit Prozessen der Subjektivierung und Identitätskonstruktionen in historischer und gegenwartsbezogener Perspektive beschäftigen und Alterität als Bedingung von Vermittlungsprozessen in widersprüchlichen Welten verstehen.

Das fachbereichsübergreifende Netzwerk von Worlds of Contradiction verknüpft Wissenschaftler_innen aller Karrierestufen, fördert den Dialog von Forschung und Lehre und spricht auch eine außeruniversitäre Öffentlichkeit an. Der geisteswissenschaftliche Verbundfokus wird durch eine multidisziplinäre Sprecherkonferenz geleitet und von der Universität Bremen gefördert. Wenn Sie mit uns Kontakt aufnehmen möchten, wenn Sie Fragen oder Anregungen haben, besuchen Sie bitte unsere Website www.woc.uni-bremen.de oder senden Sie uns eine Email an woc@uni-bremen.de.