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Tagung „Die un-sichtbare Stadt. Perspektiven – Räume – Randfiguren“

Mittwoch, 7. Februar 2018 - Freitag, 9. Februar 2018

Call for Paper

Un-sichtbare Städte – das sind nicht nur die imaginierten Städte Italo Calvinos, sondern in unserem Forschungszusammenhang all jene Räume und Orte in der Stadt, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind oder sein wollen und von denen doch erzählt wird. Sie sind bewohnt von Menschen Sans-Papiers und Sans Domicile Fixe, ortlosen Migranten, Migrantinnen und traumatisierten Geflüchteten, die sich Teile des Stadtraums auf eine individuelle Art zu eigen machen, wie etwa: Brachlandgebiete, besetzte Häuser, Schlafplätze unter Brücken oder Schönheitssalons als Arbeitsplatz und Treffpunkt von illegalisierten Einwanderern.

Aus unterschiedlichsten theoretischen Perspektiven – wie Stadtsoziologie, postkoloniale Literatur- und Medientheorie, Migrationssoziologie, komparatistische Urbanitätsforschung oder possible-worlds Theorie – wollen wir über gewandelte Wahrnehmungsmuster und literarische Blicke aus der urbanen Perspektive der Unsichtbarkeit in einen Dialog treten. Welche neuen Stadtbilder werden entworfen, legen sich über die – vielleicht bereits zu Ende erzählten – postmodernen Metropolen der Moderne und rücken den technischen Fortschritt und die menschliche Bewegung in ein verändertes Licht?

In ungewohnten Bewegungs- und Wahrnehmungsrouten spannen die Figuren in Stadttexten der Gegenwart urbane Räume auf, die sowohl Enttäuschungen und soziale Prekarität ausbuchstabieren, als auch Perspektiven der agency und einen ganz eigenen Blick auf die (urbane) Welt entwickeln, und Möglichkeiten von Gemeinschaften jenseits der offiziellen Sozialräume skizzieren. Wir fragen daher: welche ‚anderen Räume’ werden fokussiert? Wie bedeutsam sind sie für den urbanen Raum, auch wenn sie temporär und ephemer sind und zwischen Nutzung und Verwahrlosung, zwischen Natur und Beton, zwischen Heimat und Abkopplung pendeln?

Unsichtbare Städte sind aber auch imaginierte Orte, die sich als solche in den Fiktionen unter der manifesten erzählten Stadt finden. Hier wollen wir einerseits Stadtimaginationen aus Texten und Filmen fokussieren, die den Stadterfahrungen der Protagonisten und Protagonistinnen voraus gehen, wodurch oft eine Entzauberung durch den (enttäuschenden) Abgleich des Stadtimaginariums mit der erlebten Stadt resultiert. Andererseits gilt unser Interesse auch den gänzlich imaginierten urbanen Orten, im Sinne von fiktiven Städten, wie etwa Calvinos „Le città invisibili“ oder Schuiten/Peeters „Cités obscures“, und den Wunschvorstellungen ihrer selbst oft ‚unsichtbaren‘ Bewohner.

Um die vielfältigen Facetten dieser un-sichtbaren Städte zu beleuchten, setzt die Tagung sich zum Ziel, eine Übersicht über fiktive Städte in der Literatur zu gewinnen und ihre unterschiedlichen Funktionen als Utopie, Dystopie, Sehnsuchtsort oder Ort des Eskapismus zu analysieren. Hierfür haben wir vier Themenfelder vorgesehen, zu denen die folgenden Fragestellungen erste Anregungen sein können:

 

  1. ZwischenRäume – Terrains vagues

Zwischenräume und terrain vagues, die die Leerstellen des dichten Stadttextes darstellen, bieten Potenzial für die Transformation und individuelle Aneignung durch Stadtbewohner, denen eigene Räume häufig verwehrt bleiben. Diese Räume, die in Form von besetzten Häusern, umfunktionierten Brücken oder Métro-Stationen, Zeltstädten oder illegalen Camps erscheinen können, werden durch die Perspektive marginalisierter Stadtfiguren oftmals erst sichtbar gemacht und erlebt bzw. werden durch das Moment der Nutzung, Aneignung und Umdeutung diese Räume erst konstituiert.

  • Welche auf den ersten Blick unsichtbaren Räume werden durch die Perspektive der marginalisierten Stadtfiguren sichtbar gemacht bzw. erschaffen? Welche spezifischen literarischen Verfahren bilden sich dafür aus?
  • Welche Bedeutung oder welcher Stellenwert wird diesen Zwischenräumen als spezifisch urbanen Räumen zugesprochen?

 

  1. Erzählsubjekte/Randfiguren

Stadtfiguren, die durch ihre Bewegungen durch den urbanen Raum diesen neu durchmessen und re-semantisieren, gibt es in der europäischen Literatur schon spätestens seit dem 19. Jahrhundert. Doch aus der Perspektive des postmodernen resp. eines spezifisch postkolonialen „flaneurs“, der sich als illegaler Geflüchteter in der europäischen Großstadt bewegt und sich mit der postimperialen Stadt auseinandersetzt, verändern sich die Sichtweise und das Verständnis von Stadt.

  • Wie geht die flanierende Erzählfigur konkret mit der eigenen Unsichtbarkeit um? Welche Rolle spielen Blickachsen, Blickhierarchien und neugierige, abschätzige oder gar diskriminierende Blicke?
  • Welche Stadträume werden durch die Literarisierung aufgespannt und sichtbar – welche bleiben (bewusst) obskur?

 

  1. Ungewöhnliche Orte: Orte für Frauen, Orte für Männer

Unsichtbare urbane Orte müssen nicht nur an den Rändern und in den Nischen der Stadt liegen, sie können sich auch direkt unter Leuchtreklame und hellen Schaufenstern befinden: Die Rede ist bspw. von Schönheits- und Frisiersalons, von ‚Afro-Shops‘ und Telefonshops, in denen sog. Illegale als Friseurinnen oder Kosmetikerinnen ihr Geld verdienen, die aber durch ihren juristischen Status und ihren Platz in den kulturalisierten Geschlechterhierarchien unsichtbar sind. An diesen Orten werden Körper-Politiken und Schönheitsideale verhandelt, Zuflucht gefunden und die Neuigkeiten aus dem jeweiligen Viertel getauscht.

  • Welche Orte der Gemeinschaft und des Austausches etablieren sich in diesen prekären urbanen Milieus?
  • Welche gegenderten Orte finden sich in der Perspektive auf die Stadt aus der Marginalisierung heraus?

 

  1. Atmosphäre: Wetterlagen

Literarisches Wetter legt Zeugnis ab von sich wandelnden kulturellen, sozialen und individuellen Dispositionen. Für den Flaneur konnten Wetterlagen Bestandteil des ästhetischen Stadt-Eindrucks sein, für Sans Domicile Fixe können sie hingegen lebensbedrohlich, für den Sans Papier zum Moment der Erinnerung oder gar zum Flashbackauslöser werden, für den Detektiv hingegen eine wertvolle Spur darstellen. Durch unterschiedliche Wahrnehmungsperspektiven auf das Wettergeschehen in der Stadt ergeben sich Bedeutungsverschiebungen und spezifische Funktionsgefüge, die es auszuloten gilt.

  • Welche Rolle spielt das Wetter für die Stadtwahrnehmung und Lebensperspektive?
  • Wie verändert sich die Bedeutung des Wetters unter gewandelten literarischen Bedingungen?

 

Unser Call richtet sich an Forscherinnen und Forscher der Literaturwissenschaft, Stadtsoziologie, Stadtethnologie und Kulturwissenschaft, die an neuen Perspektiven auf die Stadt und ihre literarischen Inszenierungen, auf eine un-sichtbare Welt inmitten der überbelichteten postmodernen Großstadt, interessiert sind.

 

Die Vortrags- und Diskussionssprachen sind Deutsch, Französisch und Englisch. Eine zeitnahe Publikation der Beiträge ist geplant.

 

Bitte senden Sie einen Vortragstitel sowie ein Abstract (max. 300 Wörter) bis zum 1. Oktober 2017 via Mail an: Katia Harbrecht, E-Mail: brecht@uni-bremen.de

 

Die Tagung steht im Rahmen des Fokusprojektes „Entzauberte Städte – Urbaner Raum und Migration in der französischsprachigen Gegenwartsliteratur“. Mehr Informationen finden Sie hier: https://blogs.uni-bremen.de/entzaubertestaedte/

Details

Beginn:
Mittwoch, 7. Februar 2018
Ende:
Freitag, 9. Februar 2018
Veranstaltungskategorie:

Veranstalter

Gisela Febel, Katia Habrecht, Elena Tüting, Karen Struve

Veranstaltungsort

Universität Bremen
GW2 Raum A 3570 + Google Karte